Inder interessiert Fußball nicht? Falsch, sagt Fußballexperte Chris Punnakkattu Daniel und betont, dass Fußball in seinem Heimatland ein "Spiel der Massen ist".
ZEIT ONLINE: Chris Punnakkattu Daniel, mit Sport in Indien verbindet man Cricket, Schach, Elefantenpolo und seit den überraschenden Medaillen bei Olympia 2008 möglicherweise Boxen, Ringen und Schießen. Warum interessieren sich Inder nicht für Fußball?
Chris Punnakkattu Daniel: Das tun sie. Cricket ist zwar die Nummer eins im Sport. Doch Fußball ist das Spiel der Massen, zu manchem Derby kommen über 100.000 Zuschauer. Es gibt eine gewachsene Fußballtradition in Indien.
ZEIT ONLINE: Doch die Nationalmannschaft scheitert regelmäßig in der WM-Qualifikation. Und das ziemlich früh.
Punnakkattu Daniel: Stimmt, aber der Umschwung ist da. Das Nationalteam ist für die Asienmeisterschaft 2011 qualifiziert. Im vorigen Jahr gewann Indien den AFC Challenge Cup, ein Turnier für asiatische "Fußballentwicklungsländer". Im Endspiel gab’s ein 4:1 gegen Tadschikistan. Die Junioren-Nationalmannschaften machen ebenfalls auf sich aufmerksam.
ZEIT ONLINE: Das Turnier fand in Indien statt. Wie wär’s mit einer WM-Bewerbung? Indien würde sicher der Politik der Fifa entsprechen, den Fußball in großen, aber rückständigen Märkten zu platzieren.
Punnakkattu Daniel: Man denkt in der Tat über 2022 nach, aber China ist in Asien wohl zuerst dran. 'Indien ist ein schlafender Gigant des Weltfußballs' hat Fifa-Präsident Joseph Blatter gesagt. Der Markt ist groß. Die Mittelschicht verdient Geld und möchte es ausgeben. Für den westlichen Fußball wäre das eine große Chance.
ZEIT ONLINE: Aber ist Fußball in Indien nicht ein Spiel der Unterschicht?
Punnakkattu Daniel: Nicht ausschließlich. Wenn man jedoch in Indien Erfolg haben will, muss man langfristig denken und handeln. Es genügt nicht, für zwei Freundschaftsspiele anzureisen. Man kann nicht von heute auf morgen Gewinne machen, man muss über Jahre handeln und da sein. Das und der Wille, sich an den Markt anzupassen, sind wichtige Zutaten.
ZEIT ONLINE: Was könnten denn Vereine konkret tun?
Punnakkattu Daniel: Indien braucht Hilfe im Ligaaufbau, bei der Pressearbeit, bei der Administration. Es fehlen die Basics. Immerhin gibt es seit 2007 die I-League, die erste Profiliga. Man kann in der Trainerausbildung zusammenarbeiten. Man kann gemeinsam Jugendarbeit fördern, Manchester United hat soccer schools in Indien eingerichtet. Es gilt, Pionierarbeit zu leisten und Wissen weiterzugeben. Wer jetzt nicht aktiv wird, verpasst eine Chance.
ZEIT ONLINE: Wie verhalten sich deutsche Klubs?
Punnakkattu Daniel: Bayern München ist vereinzelt aktiv, zu Oliver Kahns Abschiedspiel in Kalkutta kamen 120.000 Zuschauer. Doch im Allgemeinen haben es deutsche Vereine verschlafen. Es fehlen Taten und Ideen. Der SAP-Klub Hoffenheim beispielsweise hätte gute Voraussetzungen: SAP kennt man in Indien, das muss man beim Marketing einbeziehen. Die DFL holt zwar gerade nach. Außer Bayern kennen die Inder jedoch nur noch den VfL Bochum, der in den Achtzigern mit seiner Profimannschaft gelegentlich in Indien war. Das hat man nicht vergessen, das sagt doch alles.
ZEIT ONLINE: Kann man den Rückstand gegenüber der englischen Premier League aufholen?
Punnakkattu Daniel: Man kann ihn zumindest verkürzen. Die Premier League jedenfalls ist in Indien sehr gegenwärtig, auf Werbeplakaten, im Fernsehen. Die Bundesliga gibt es nur im Pay-TV, die Reichweite ist also begrenzt. Die Bundesligisten sollten das Internet besser nutzen, etwa über Streams, Web2.0-Applikationen oder mobilen Content.
ZEIT ONLINE: Sie sind inzwischen nicht mehr in erster Linie Journalist, sondern Unternehmer, der laut Eigenauskunft "dem indischen Fußball helfen will". Der Asiatische Fußballverband schreibt in einem Communiqué: "Der Fußball in Indien macht konstante Fortschritte, dies ist unter anderem dem Team von IndianFootball.Com gutzuschreiben." Ist da was dran?
Punnakkattu Daniel: Ohne hochnäsig sein zu wollen – ja. An uns führt kein Weg vorbei.
Die Fragen stellte Oliver Fritsch.










