Indien hat über eine Milliarde Einwohner, die Wirtschaft boomt - in Sachen Fußball ist der Subkontinent jedoch ein Entwicklungsland. Das soll sich ändern. Es war 1950 in Brasilien, als Indien fast einmal bei der WM dabei gewesen wäre. Nachdem mehrere Länder ihre Teilnahme abgesagt hatten, wurde das frischgebackene FIFA-Mitglied eingeladen. Damals gab es noch keine Qualifikation. Doch die FIFA stellte eine Bedingung an die bis dahin barfuß spielenden Inder: Schuhe an! Der indische Verband sagte ab.
Arunava Chaudhuri hat die Geschichte schon gefühlte tausend Mal gehört und genau so oft erzählt. Der 32-Jährige ist Chefredakteur von Indianfootball.com. Seit zehn Jahren berichtet der in Remscheid aufgewachsene Deutsch-Inder mit seinem Kollegen Chris Daniel und 16 Korrespondenten vor Ort über die fußballerischen Entwicklungen auf dem Subkontinent. Sie stehen in engem Kontakt zum indischen Verband und sind inoffizieller Ansprechpartner für die FIFA.
100.000 Zuschauer beim Lokalderby
Chaudhuri und Co. haben ein Ziel: Sie wollen den indischen Fußball auf die internationale Bühne bringen. Denn seit der WM 1950 ist das nach China bevölkerungsreichste Land der Welt dort nicht mehr auffällig geworden. Erst Mitte der Achtziger stieg Indien in die WM-Qualifikation ein. Bislang ohne Erfolg. In der FIFA-Weltrangliste stehen sie auf Rang 148 hinter Vanuatu und vor dem Jemen. Und in der Qualifikation für 2010 war nach einem 1:4 gegen den Libanon mal wieder früh Schluss.
Auf mangelnde Begeisterung ist die Erfolglosigkeit nicht zurückzuführen. Von den Briten eingeführt, blickt Fußball auf eine lange Tradition im Vielvölkerstaat zurück. Laut Baichung Bhutia - dem einzigen Inder, der jemals in Europa spielte, beim englischen Drittligisten FC Bury - ist Fußball in vielen Gegenden populärer als Cricket. Wenn es zum Stadt-Derby zwischen Mohun Bagan und East Bengal in Kalkutta kommt, pilgern regelmäßig 100.000 Zuschauer ins "Salt Lake"-Stadion.
Konkurrenz durch Cricket und Hockey
Die Schuld liegt beim Verband, klagt Chaudhuri, den nicht die Vereine, sondern die Bundesstaaten stellen. Statt Experten sitzen dort Politiker und Geschäftsleute. Jahrzehntelang stagnierte der Fußball: Jugendarbeit, Trainerausbildung, Marketing - Fehlanzeige. Lange gab es nicht mal eine Liga - erst 1996 wurde die semiprofessionelle National Football League gestartet. Und aufgrund des fehlenden internationalen Erfolgs konzentrierte sich das Medien- und Sponsoreninteresse auf die Konkurrenten Cricket und Hockey. Fußball blieb der Sport der Unterschicht.
Das jedoch ändert sich derzeit: Seit 2007 gibt es eine professionelle Liga, die I-League. Der asiatische Verband AFC unterstützt die Liga finanziell - im Umkehrschluss müssen Verband und Vereine Auflagen erfüllen. Zwölf Mannschaften nehmen am Betrieb teil, erster Meister wurde Dempo FC aus Goa, die nun auch in der asiatischen Champions League spielberechtigt sind. Das Niveau ist besser geworden, mittlerweile verdienen auch ausländische Nationalspieler ihr Geld in Indien. Zudem gibt es immer mehr Fußballakademien.
Um langfristig finanzkräftige Sponsoren und ein höheres Medieninteresse zu erreichen, muss jedoch vor allem die Nationalelf konkurrenzfähiger werden, meint Chaudhuri. Und hier soll Europa helfen: Chaudhuri möchte hiesige Klubs überzeugen, indische Nachwuchsspieler früh unter Vertrag zu nehmen und auszubilden. Sein Hauptaugenmerk liegt auf England, aber auch der SC Freiburg mit dem indisch-stämmigen Coach Robin Dutt wäre eine Option. Die fußballerische Entwicklungshilfe wird sich langfristig auch für die ausbildenden Klubs lohnen: "Der Verein, der den indischen Beckham findet, sitzt auf einer Goldmine", verspricht Chaudhuri.
Gesucht: Fußballspielende Inder
Über das "Players of Indian origin"-Projekt suchen Chaudhuri und Daniel zudem rund um die Welt Fußballer mit indischen Wurzeln für die nationale Auswahl. Ein heißer Kandidat wäre Michael Chopra vom FC Sunderland, der erste Spieler indischer Herkunft in der Premier League. Leider gibt es da ein einwanderungspolitisches Problem: Wer einen indischen Pass will, muss seinen alten abgeben - doppelte Staatsbürgerschaft sieht das Gesetz nicht vor. Allerdings wird darüber derzeit verhandelt, erklärt Chaudhuri. "Wir hoffen, dass Verband und Regierung im Interesse des Fußballs etwas ausarbeiten."
Und das soll möglichst schnell geschehen, denn Chaudhuri träumt von der ersten indischen WM-Teilnahme der Geschichte: "2018 oder 2022, das muss unser Ziel sein." Spätestens jedoch 2030 oder 2034 ist Indien bei einer WM-Endrunde mit dabei - da ist er sich sicher: "Entweder sind wir bis dahin gut genug, um uns sportlich zu qualifizieren - oder wir richten einfach selber die WM aus."










